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=== Thesen und Positionen === Der âAnarchismusâ (abgeleitet aus dem griech. Begriff fĂŒr âHerrschaftslosigkeitâ) ist eine politische Ideologie, die jede Herrschaft von Menschen ĂŒber Menschen und jede Art von Hierarchie ablehnt. Angestrebt wird eine GesellÂschaft, in der sich Individuen auf freiwilliger Basis selbstÂbestimmt und föderal in Kommunen, Genossenschaften und Syndikaten als Basis der Produktion zusammenÂschlieĂen. Anarchisten treten in der Regel fĂŒr Gemeineigentum an den Produktionsmitteln ein, lehnen zentrale Planung aber hĂ€ufig als âhierarchischâ ab. Im Mittelpunkt stehen die Werte Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, und Selbstverwirklichung der Individuen und kollektive Selbstverwaltung (âAutonomieâ). Im Anarchismus flieĂen die Traditionen des bĂŒrgerlichen Liberalismus (individuelle Freiheit) und der sozialistischen Arbeiterbewegung zusammen (KollektivitĂ€t und Vergesellschaftung der Produktionsmittel). Heute wird hĂ€ufig das Adjektiv libertĂ€r (deutsch: freiheitlich) als Synonym fĂŒr âanarchistischâ benutzt. Friedrich Engels fasste die Kritik an den Positionen Michael Bakunins und der Anarchisten 1872 in einem Brief wie folgt zusammen: {{Zitat | WĂ€hrend die groĂe Masse der sozialdemokratischen Arbeiter mit uns der Ansicht sind, daĂ die Staatsmacht weiter nichts ist als die Organisation, welche sich die herrschenden Klassen â Grundbesitzer und Kapitalisten â gegeben haben, um ihre gesellschaftlichen Vorrechte zu schĂŒtzen, behauptet Bakunin, der Staat habe das Kapital geschaffen, der Kapitalist habe sein Kapital bloĂ von der Gnade des Staats. Da also der Staat das HauptĂŒbel sei, so mĂŒsse man vor allem den Staat abschaffen, dann gehe das Kapital von selbst zum Teufel; wĂ€hrend wir umgekehrt sagen: schafft das Kapital, die Aneignung der gesamten Produktionsmittel in den HĂ€nden weniger, ab, so fĂ€llt der Staat von selbst. Der Unterschied ist wesentlich: die Abschaffung des Staats ist ohne vorherige soziale UmwĂ€lzung ein Unsinn â die Abschaffung des Kapitals ist eben die soziale UmwĂ€lzung und schlieĂt eine VerĂ€ndrung der gesamten Produktionsweise in sich. Nun aber, da fĂŒr Bak[unin] der Staat das GrundĂŒbel ist, darf man nichts tun, das den Staat, d.h. irgendwelchen Staat, Republik, Monarchie oder wie immer, am Leben erhalten kann. Daher also vollstĂ€ndige Abstention von aller Politik. Einen politischen Akt begehn, besonders aber an einer Wahl teilnehmen, wĂ€re Verrat am Prinzip. Man soll Propaganda machen, auf den Staat schimpfen, sich organisieren, und wenn man alle Arbeiter auf seiner Seite hat, also die Mehrzahl, so setzt man alle Behörden ab, schafft den Staat ab und setzt an seine Stelle die Organisation der Internationalen. Dieser groĂe Akt, womit das TausendjĂ€hrige Reich anfĂ€ngt, heiĂt die soziale Liquidation. [...] Da nun die Internationale nach Bak[unin] nicht fĂŒr den politischen Kampf geschaffen sein soll, sondern damit sie bei der sozialen Liquidation sofort an die Stelle der alten Staatsorganisation treten kann, so muĂ sie dem Bakuninschen Ideal der zukĂŒnftigen Gesellschaft so nahekommen wie möglich. In dieser Gesellschaft existiert vor allem keine AutoritĂ€t, denn AutoritĂ€t <nowiki>=</nowiki> Staat <nowiki>=</nowiki> absolut vom Ăbel. (Wie die Leute eine Fabrik treiben, eine Eisenbahn befahren, ein Schiff leiten wollen, ohne einen in letzter Instanz entscheidenden Willen, ohne einheitliche Leitung, das sagen sie uns freilich nicht.) Auch die AutoritĂ€t der MajoritĂ€t ĂŒber die MinoritĂ€t hört auf. Jeder einzelne, jede Gemeinde ist autonom, wie aber eine Gesellschaft von nur zwei Menschen möglich ist, ohne daĂ jeder von seiner Autonomie etwas aufgibt, das Verschweigt Bakunin abermals. [...] Selbst wenn diese AutoritĂ€t freiwillig ĂŒbertragen ist, muĂ sie aufhören, eben weil sie AutoritĂ€t ist!| Friedrich Engels; 1872; Brief an Theodor Cuno, 24. Januar 1872, in: MEW 33;Dietz-Verlag; S. 388-389.}} Der zentrale Dissens zwischen der marxistischen und der anarchistischen Staatsauffassung lĂ€sst sich also knapp zusammenfassen: Die Anarchisten gehen davon aus, dass nicht das KapitalverhĂ€ltnis, sondern der Staat die Ursache der gesellschaftlichen WidersprĂŒche ist. Der Zweck der Revolution besteht fĂŒr die Anarchisten darin, den Staat zu zerschlagen und unmittelbar in einen Zustand der Herrschaftsfreiheit ĂŒberzugehen. Je nach Strömung innerhalb des Anarchismus unterscheiden sich dabei die Haltungen zur Eigentumsfrage (es gibt z.B. auch âlibertĂ€reâ Vertreter des Kapitalismus) und die Haltung zur Organisationsfrage. Manche Anarchisten fordern totale Organisationslosigkeit und âHierarchiefreiheitâ, andere erkennen im unmittelbaren Kampf gegen den Staat die Notwendigkeit von Mehrheitsprinzip und hierarchischen Organisations- und Beschlussstrukturen an. Der Marxismus ist dagegen immer davon ausgegangen, dass in der Revolution zwar der bĂŒrgerliche Staat zerschlagen, an dessen Stelle aber ein revolutionĂ€rer Staat, die âDiktatur des Proletariatsâ, errichtet werden mĂŒsse. Diese Aufgabe macht eine gut organisierte, hierarchische und zentralisierte Kaderpartei notwendig, die diszipliniert und einheitlich handelt. Der Staat der Arbeiterklasse hat die Aufgabe, der Bourgeoisie die Produktionsmittel zu entreiĂen, den Sozialismus aufzubauen und die UnterdrĂŒcker niederzuhalten. Er verteidigt die Revolution gegen ihre Feinde, wĂ€hrend er fĂŒr die UnterdrĂŒckten Massen zugleich die breiteste Demokratie bedeutet. Nicht schon die Revolution, sondern erst die Aufhebung der Klassen und der Aufbau des Sozialismus schafft aus Sicht der Kommunisten die Voraussetzung fĂŒr das allmĂ€hliche âAbsterbenâ des Klassenstaates. WĂ€hrend die Anarchisten also die âAufhebungâ des bĂŒrgerlichen Staats und das âAbsterbenâ aller Staatlichkeit ĂŒberhaupt in einem einzigen revolutionĂ€ren Akt fordern, treten die Marxisten fĂŒr die Staatsmacht der Arbeiterklasse als Voraussetzung fĂŒr die Aufhebung der Klassen und Absterben des Staates ein.
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